April 08, 2015

Briefe. Und ein kalter Wind

Im ersten und zweiten Teil dieser kleinen Reihe, berichtete ich wie es zum Ausreiseantrag aus der DDR kam. Ein erstes Gespräch auf der zuständigen Behörde war vorbei, doch durch einen Zufallsfund in einer Bibliothek konnte ich mich argumentativ aufmunitionieren. Ob dies allerdings letztlich ausschlaggebend war, lässt sich schlecht beurteilen, vielleicht hat es ein wenig Eindruck gemacht, da ich nun mit der Schlussakte vom Helsinki kommen konnte, darauf verwies, dass wenn es keine nationale Gesetze über die Ausreise geben würde, dann internationales Recht gelten würde. Letztlich war uns aber immer klar, an Gesetze ist die Stasi, oder die DDR-Willkürherrschaft, nicht gebunden. Wenn die uns aus dem Verkehr ziehen wollen, dann tun die das eben. Es war ein bisschen wie Pokern, wir wollten uns nicht in Karten schauen lassen, der Staat ließ dies bei sich sowieso nicht zu. Ein bisschen versuchten wir uns abzusichern, zum einen, dass ich eine Patentante im Westen von unserem Ausreiseantrag wissen ließ, die das dann an das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, der damalige Minister war Egon Franke, weiterleitete.

Das, so hofften wir, würde uns vielleicht helfen, sollten wir eingelocht werden. Von Häftlingsfreikauf hatten wir gehört, und bauten darauf wenigstens nicht vergessen zu werden, oder, was noch viel wichtiger war, dass unsere Kinder nicht irgendwo bei Pflegefamilien untergebracht oder gar zur Adaption frei gegen werden. Entsprechende Gerüchte kursierten, wir mussten diese ernst nehmen und taten dies auch.

Der Gedanke an den Knast war allgegenwärtig, einen Kumpel von mir hatte es schon erwischt, der wollte über Ungarn abhauen, wurde dort an der Grenze zu Österreich festgenommen, an die DDR ausgeliefert, und saß irgendwo in der Gegend von Leipzig seine Haftstrafe ab. Dort, im Knast, hatte er einen Ausreiseantrag gestellt, was ihm aber nicht viel nützte, er wurde nach der Verbüßung wieder in die DDR entlassen und nicht freigekauft, wie wir hofften. Später erzählte er dann, wie ganz normale Kriminelle, also solche ohne politischen Hintergrund, ebenfalls Ausreiseanträge gestellt hatten, und von denen einige freigekauft wurden. Aber immerhin hatte sein Ausreiseantrag auch was positives für ihn, nämlich die Arbeit im Knast. Gewöhnliche Häftlinge mussten in der chemischen Industrie arbeiten, an sehr gefährlichen Arbeitsplätzen mit wenig Arbeitsschutz und wurden erst dann von dort abgezogen, wenn sie Chlor im Urin hatten, wie er es ausdrückte. Mein Freund aber bekam eine körperlich sehr anstrengende Arbeit im Freien, was obligatorisch war für politische Häftlinge, als solche wurden die mit Ausreiseantrag von ihm beschrieben. Nur das machte im nichts aus, er war jung, kräftig und sportlich.

Meine Befürchtungen betrafen weniger seinen körperlicher Zustand, sondern ob er die seelischen Belastungen verkraften kann. So begann ich zu schreiben, mit dem Vorsatz, jeden Tag einen Brief an ihn zu senden, damit er Ablenkung bekommt und diese Zeit im Knast eben ohne größere Schäden übersteht. Die Post wurde zwar zensiert, Briefe deren Inhalt nicht den Richtlinien entsprachen kamen nicht durch, was aber, so darf man annehmen, zum nicht geringem Teil von der Einschätzung des Kontrolleurs abhing. Aber ich hatte auch gar nicht vor über politische Themen zu schreiben oder sonst irgendwelche verfängliche Nachrichten in den Knast zu schmuggeln, sondern berichte einfach aus dem Alltag und von meinen Gedanken.

Antworten konnte er mir nicht, lediglich zwei Briefe pro Monat waren ihm erlaubt zu schreiben, da hatten natürlich seine Eltern und seine Freundin Vorrang. Hin und wieder ließ er mir über die Eltern ausrichten, dass er sich immer über meine Briefe freue, und seine Mithäftlinge neidisch auf diese viele Post waren. Oft las er die Briefe laut vor, sie handelten ja von Alltäglichkeiten. Was sonst hätte ich schreiben sollen, spätestens nach dem zehnten oder zwanzigsten Brief gingen mir die gemeinsamen Themen aus, und da er mir nicht direkt antworten konnte, wusste ich auch nicht, wie ich unsere Themen als Nachricht weiter ausbauen konnte. So schrieb ich eben über Frühstückseier, wie man diese am besten öffnet ohne eine Sauerei zu veranstalten, oder manchmal auch nur über Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft.

Genau in diese Zeit der Briefe fiel aber eine Veränderung mich selbst und nur am Rande meinen Ausreiseantrag betreffend. Diese Zeit war eine ohne Zukunft. Dort wo wir unsere Zukunft sahen, der Ort, war noch unerreichbar, und die Gegenwart, ebenfalls der Ort, erschien surreal, ich wusste, dass diese Welt im vergehen war. Für mich sowieso, aber auch generell. Ich blickte auf diese Gesellschaft wie in eine Vergangenheit. Diese hielt uns zwar fest, doch dass wir uns aus dieser Umklammerung lösen würden war klar, nur noch nicht was uns dabei noch geschehen konnte.

Das Denken verändert sich unter diesen Umständen, es löst sich gewissermaßen von Ort und Zeit. Später, als wir schon ein paar Jahre in Stuttgart lebten und ich auf die Meisterschule ging, sagte ich oft, dass diese Zeit des Ausreiseantrages eine war, in der ich mir beim Denken die wenigsten Einschränkungen gestattete. Und so kam alles auf den Prüfstand, auch mein bis dahin ungetrübtes Verhältnis zu Glauben und Kirche. Ich ertappt mich bei der Selbstermahnung: »Das darfst du jetzt nicht denken«, und bekam Angst vor dieser Selbstzensur. Am Ende dieses Prozesses hatte ich meinen Fixpunkt zerstört, oder wie ich meinem Freund im Knast schrieb: „Ein Denkmal war es an dem ich mich orientierte, es schien mir perfekt zu sein, unantastbar. Nun habe ich es zerstört, die Trümmer liegen herum und ich habe keine Ahnung ob und wann ich mir daraus wieder einen Orientierungspunkt bauen kann.“ Der Freund im Knast wurde zum Ventil für mich, er konnte mir ja nicht antworten, und vielleicht hat er mir dadurch mehr geholfen als ich ihm.

Die Briefe gibt es nicht mehr, er durfte sie bei der Entlassung nicht mit nehmen, und ich hatte mir keine Kopien gemacht. Ob die Stasi noch welche hatte, weiß ich nicht, war verwundert nur, dass ich in meiner Stasi-Akte kein Wort über diese Briefe gefunden habe. Gleich als es möglich war darin Einblick zu nehmen, bestellte ich mir meine Akte, in den Kopien waren zwar die Namen geschwärzt, doch es brauchte nicht viel Fantasie die Personen dahinter zu entdecken. Allerdings, so muss ich einschränken, war diese Akte damals vielleicht noch nicht komplett, man hört ja immer wieder, dass es da noch so Vieles gibt was nicht aufgearbeitet ist. Vielleicht sollte ich noch mal Einblick nehmen, und hoffe auf jeden Fall, dass dies für alle noch möglich sein wird, auch dann wenn keine Menschen mehr leben die die DDR noch persönlich erlebt haben. Etwas verstörend für mich war damals, dass der letzte Eintrag meine Adresse in Stuttgart betraf, mit Telefonnummer und Autokennzeichen. Wenn ich mich richtig erinnere, war sogar mein Arbeitgeber notiert. Ich muss die Akte unbedingt noch mal anschauen.

Ich schrieb keinen neuen Ausreiseantrag, der erste war ja nicht abgelehnt, sondern nur nicht bearbeitet wurden. So jedenfalls die Auskunft von dem Herrn Burgwalden vom Ministerium des Innern. Also berief ich mich in den folgenden Schreiben an die Behörde daher immer auf diesen ersten und einzigen Antrag, und forderte nun, das internationales Recht zum tragen kommen müsse. Es war ein rhetorisches Spielchen, dass wir juristisch etwas bewegen konnten, dieser Illusion haben wir uns nie hingegeben. Dieses rhetorische Spielchen erforderte viel Disziplin, wer zu Hitzköpfigkeit neigt, dem Gegenüber mal so richtig die Meinung geigen möchte, sich Luft machen, hat dabei schon von vornherein verloren. Doch nicht nur die Rhetorik war gefragt, sondern auch die Beobachtungsgabe. Passten Gestik, Mimik und Tonfall zu dem Gesagten? Um ehrlich zu sein, ich hatte es meist mit recht lausigen Schauspielern zu tun, die durch ihre Körpersprache ihre Taktik verrieten. Wahrscheinlich war meine Schauspielerei auch nicht viel besser, obwohl ich mich redlich bemühte.

Viel später, bei einem Vorstellungsgespräch für einen Job in der Nähe von Stuttgart, versuchte der Personalchef einer Firma mich ebenfalls gezielt zu provozieren. Wahrscheinlich um auszutesten, wie ich mich unter Druck verhalte. Er konnte mich nicht aufs Glatteis führen, auch er verriet sich, weil nichts zusammen passte. Er konnte nicht wissen durch welche Lebensschule ich gegangen war. Die Daten aus dem Lebenslauf erzählen solche Geschichten nicht.

Meine Sicht über die juristischen Möglichkeiten eines Ausreiseantrags teilten nicht alle. Ein Freund, dem den ich die Briefe in den Knast schrieb, vertraute auf einen Anwalt, es war Wolfgang Vogel, so glaube ich mich zu erinnern, dieser Name wurde jedenfalls immer genannt wenn es um das Thema ging. Zu dieser Person gingen unsere Meinungen auseinander, ich traute dem Braten nicht. Wahrscheinlich mein Freund auch nicht ganz, doch einen gewissen Schutz schien er zu geben, nämlich vor allem den, sich nicht zu verplappern. Denn eigentlich alle Vorgänge in den Behörden waren undurchsichtig für uns, wir mutmaßten uns so durch, wussten nicht wie auf was reagiert wird. Hier ist dann die Gefahr groß durch falsche Einschätzungen sich selbst in Gefahr zu bringen. Der Anwalt stellte also keinen Schutz vor den Behörden oder der Stasi dar, sondern nur einen für den Klienten vor sich selbst. Für mich allerdings war er Teil des Systems, jedem der dies anders sah, habe ich Naivität unterstellt. Und dem System wollte ich mich nicht anvertrauen, keinesfalls.

Es war ja auch völlig unklar, wer dem System zuarbeitet und wer nicht. Bei einem örtlichen Siedlerfest, ich wuchs in einer dieser in den Dreißiger Jahren errichteten Siedlungen auf und mein Vater war bei den Siedlern, was das für ein Verein war, wusste ich allerdings auch nicht richtig, doch die veranstalteten jedes Jahr eben so ein Siedlerfest mit Tombola und Schießbuden etc., und auf einem dieser Feste hatte ich mich verplappert und bin in eine Falle getappt.

Selbstverständlich bin ich nie zu einer dieser Wahlen in der DDR gegangen, ob die Volkskammer oder etwas anderes gewählt wurde, ich habe alles boykottiert. Wieder standen, zwei Stunden bevor die Wahllokale geschlossen wurden, zwei Herren vor der Tür die mich zur Wahl begleiten wollten. Sanfter Druck also wählen zu gehen. Als ich denen zu verstehen gab, dass ich nicht wählen werde, wollten sie wissen warum, und ich könnte ja alle Kandidaten durch streichen, und weiteres solches Gefasel. Ich gab ihnen keine Antwort, meinte nur, dass wir laut Gesetz freie und geheime Wahlen haben, und ich lediglich von meinem Recht Gebrauch mache, nicht wählen zu gehen. Keine weiteren Auskünfte. Und so sind die beiden wie begossene Pudel wieder abgezogen und ich genoss meinen kleinen Triumph übers System. Allerdings hatte meine Nichtauskunft noch Folgen in der Form, dass ich noch mehr Vertrauen zu meinen Mitmenschen verlor.

Auf einem dieser Siedlerfeste also traf ich mich mit ein paar Kumpels, meine Frau war auch dabei, und wir haben einfach gefeiert und waren später auch ordentlich besoffen. Der Vater eines ehemaligen Klassenkameraden gesellte sich zu uns, wir erzählten Witze oder andern Blödsinn. Ziemlich ausgelassene Stimmung. Als dann meine Frau, sowie ich und dieser Vater, einmal allein waren, kam die Sprache auf die Politik. Ich zog vom Leder, schimpfte über Kommunismus und dergleichen, es brach aus mir heraus, so wie das eben bei Besoffenen manchmal geschieht. „Das ist doch mal ne klare Ansage” meinte der Vater des ehemaligen Klassenkameraden, und fuhr fort: „Und nicht so ein Käse den du uns bei der Wahl erzählst hast.“ UNS! Er gehörte zum System, wie Schuppen fiel es mir von den Augen.

Dieser Vorfall hatte keine weiteren Folgen für mich, wahrscheinlich hat der Vater des Klassenkameraden es für sich behalten und nicht seinen Kontaktleuten berichtet. Nicht alle bei der Stasi waren gewissenlose Verräter. Aber es hätte auch anders kommen können, und meine Sinne diesbezüglich wurden einmal mehr geschärft.

Nach meinen neuerlichen Schreiben an das Ministerium des Inneren, in dem ich auf die internationalen Verpflichtungen der DDR hinwies, wurde ich wieder vorgeladen, doch nicht um befragt, sondern nur um belehrt zu werden. Welche Gesetze wo wie gelten würden, und noch mal die Ermahnung, die Arbeit der Behörden mit meinem Anliegen nicht weiter zu behindern, mein Verhalten wäre strafbar sollte ich weiter Briefe mit meinen Forderungen an die Behörde schicken. Alles schön mit den entsprechenden Paragraphen hinterlegt. Schriftlich bekam ich nie irgend etwas ausgehändigt und mitgeschrieben habe ich auch nichts. Es war mir ja auch egal was in den Gesetzen steht, die wurden nach Gutdünken angewandt, davon war und bin ich überzeugt. Zum Abschluss allerdings dann der Wink mit dem Zaunpfahl: „Das können Sie alles nachlesen, in einer öffentlichen Bibliothek beispielsweise, aber das wissen sie ja.“ Ok, Botschaft angekommen. Man hatte nachgeforscht woher ich meine Infos hatte, und in dem man mir dies sagte, gleichzeitig durch die Blume mitgeteilt, dass ich nichts unbemerkt machen könne.

Von nun an schaute ich mir die Bibliothekarinnen, es waren nur Frauen dort, genauer an. Und immer fragte ich mich, welche von ihnen die Infos weiter gegeben hat, oder ob es vielleicht eine Richtlinie gibt, nach der gemeldet werden muss wenn jemand sensible Literatur ausleiht. Möglicherweise bin ich auch nur einfach observiert worden und man sah wie ich in diese Bücherei rein ging und hat die entsprechenden Schlüsse gezogen. Das Problem ist, ich weiß es bis heute nicht durch welchen Vorgang auch immer, die Typen vom Ministerium davon wussten. Aber eigentlich war auch das mir egal, es hatte nur die Konsequenz, dass ich den Bibliothekarinnen nicht mehr über den Weg trauen konnte. Der Hass auf die Gesellschaft verstärkte sich. Was ist das nur für ein System, dachte ich mir, in dem man nicht einmal mehr mit Angestellten einer Bibliothek einfach unbeschwert über Bücher und Literatur reden kann, und immer im Hinterkopf haben muss, dass jedes gesagte Wort bei der Stasi landen könnte. Die Ungewissheit über das was mit einem geschieht, ist das eigentlich brutale an einem solchen Überwachungsapparat.

„Ich trat vor die Tür“ - schreibt Andrew Vachss in einem seiner Burke-Kimis - „und der kalte Wind strich mir über den Rücken, sein Kind behütend.“ Diesen kalten Wind spüre ich immer noch, mehr als dreißig Jahre nach der Ausreise, wenn ich mich in die damalige Zeit zurück versetze.

(Im ursprünglichen Text hieß es, dass in der beschriebenen Zeit, Dorothee Wilms Ministerin für innerdeutsche Beziehungen war. Das ist falsch, es war Egon Franke. Fehler ist im Artikel korrigiert.)


Die Ausreiseantrag-Serie:

#1Ein politisierter Osterstrauß
#2Sind so kleine Hände
#3Briefe. Und ein kalter Wind
#4Plattenbauten und eine rote Flagge
#5Prag, die Sächsische Schweiz und Amerika
#6Kindesentführung und ein privates Begrüßungsgeld

1 Kommentar :

  1. Guten Tag,

    will Ihnen gern beipflichten und mit etwas Genugtung,
    denn ein Außenstehender kann nicht nachvollziehen,
    was, bis zum Zusammenbruch der DDR,
    auf Ausreisewillíge alles eingeprasselt ist,
    von Seiten der sogenannten Staatsorgane etc.

    Selbst Rückschlüsse ziehend, muß ich feststellen,
    daß, wenn ich vorher gewußt hätte,
    was mich in der "Bunten Republik Deutschland" erwartet,
    an abartiger politischer Meinungsschieberei - politischer Korrektnes usw. usf.,
    hätte ich im Nachblick,
    keine Energie verschwendet, um im System aufzuwachen,
    dem ich gerade durch Ausbürgerungsurkunde - staatlich verbrieft,
    entkommen war !

    Leider eine wirklich bittere Erkenntnis und daraus kann man nur selbigst Schlüsse ziehen,
    zum verändern reicht das Alter nicht mehr....

    Diese Thematik wird sich auflösen, sobald die letzten "Ausgebürgerten" Deutschen weg gestorben sind und Zentrale "Gauckler_Behörde" dicht macht,
    wegen mangels an Nachfrage und finanzieller Unterstützung !

    Bitte schreiben Sie weiter und nehmen kein Blatt vorm Mund.

    Danke und grüße aus Berlin ....

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