Juni 08, 2017

Der Feigling

Zur Taufe bekam der Feigling seine Scheuklappen, es ist das traditionelle Geschenk der Feiglinge an diesem Tag. Dann wurden Lieder gesungen, immer mit den Begriffen Weg, Ziel, Kraft, Stärke und Mut im Text. Ja, die Feiglinge sind mutig und tapfer, sie gehen unbeirrt ihren Weg, lassen sich auch vor scheinbar unüberwindlichen Hindernissen nicht vom Weg abbringen. Davon handeln alle ihre Lieder und Geschichten. Die Scheuklappen helfen ihnen dabei, diesen ihren Weg nicht aus den Augen zu verlieren.

Von seinen Schulsachen war dem Feigling sein Lineal immer am wichtigsten, so klare gerade Striche kann man damit zeichnen. Einer Linie kann man folgen, warum sonst gibt es Straßenmarkierungen. Die sind das Wichtigste an der Straße, einem jeden Verkehrsteilnehmer ist sein Platz und seine Richtung vorgeben, ohne Markierungen wäre nur Chaos. Immer sind es die Linien die den Weg weisen, zum nächsten Ziel. Nach der Taufe ist es der Kindergarten, dann die Schule, danach der Beruf oder das Studium, die Linien sind klar aus der Tradition der Familie vorgegeben, der Feigling folgt ihnen, er vergisst nie seine Scheuklappen, die ihn davon abhalten sollen, möglicherweise einer falschen Linie zu folgen.

Schon die Ahnen, von denen wird viel auf den Festen der Feiglinge geredet, waren immer gradlinig und machten in ihren jeweiligen Karrieren eine stolze Figur. Einige in der Kirche, die meisten beim Militär. Allerdings, und darüber schweigt man lieber, so richtig ganz nach oben hat es nie ein Feigling geschafft. Keiner in der Familie wurde je Bischof oder General.

Das Ende ihres Weges ist immer da, wo die Linien enden. Feiglinge können nur Wege gehen, die schon von anderen begangen und markiert wurden. Durch die Linien wird angezeigt, hier ist es sicher, diesen Weg kannst du gehen. Kommt der Feigling irgendwo hin wo es keine Linien mehr gibt, dann weiß er nicht mehr weiter. Seine Scheuklappen verhindern, dass er sich einen Überblick verschaffen kann, er sieht durch sie ja immer nur kleine Ausschnitte.

Gerät der Feigling also in ein Gebiet ohne Linien, an denen er sich orientieren könnte, so beginnt er sich im Kreis zu drehen. Linksrum, rechtsrum, kurze Stopps, immer ruckhaft sucht er visuellen Halt, in einer Welt ohne die Sicherheit der Linien gibt es den aber für ihn nicht. Er beginnt sich zu verfluchen: Welcher Übermut nur, welche Unachtsamkeit hat ihn in diese Wildnis geführt?

Eigentlich müsste er jetzt seine Scheuklappen ablegen, um einen weiten Überblick zu bekommen. Dann könnte er sich selbst ein Ziel setzen und eigene Linien in die Welt zeichnen. Doch dafür ist er zu feige, noch nie hat ein Feigling seine Scheuklappen abgelegt. Ohne sie würde er in alle Richtungen wie Pudding zerfließen, er kann nicht ohne sie sein, er würde sich auflösen.

Irgendwann wird ihm vom im Kreis drehen schwindelig. Linksrum, rechtsrum, immer ruckhaft. Die Knie zittern, er kann sich nicht mehr auf den Beinen halten und fällt hin. Auf den Bauch liegend weint und jammert er nun. Kommt ihm niemand zu Hilfe, dann rappelt er sich ein bisschen auf, kriecht auf allen Vieren und sucht den Boden nach Linien ab. Es ist ein jämmerlicher und nach Hilfe schreiender Anblick. Irgendjemand hilft dann doch und bringt den Feigling zurück zu seinen Linien.

Wieder in seiner Welt angekommen, erholt er sich schnell. Die Linien geben ihm Kraft, sie sind es die den Sinn des Lebens ausmachen, ohne sie ist der Feigling verloren. Nie mehr wieder wird er sie verlassen, ja sie werden ihm wichtiger als er selbst. Bei der Verteidigung seiner Linien ist schon mancher Feigling gestorben, für sie kämpft er bis zur Selbstaufgabe. Sein Mut dabei, seine Tapferkeit wird dann geehrt. Feiglinge ohne Orden gibt es nicht.
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