April 11, 2016

Graffiti, Windmühlen und die Beherrschung des Raumes

Kinder schon beginnen ihre Spielsachen zu kennzeichnen, schreiben mit einem Edding ihren Namen irgendwo auf die Puppe oder das Auto, selbst dann wenn völlig klar ist, es kann keine Verwechslung geben. Dies ist mein, meine Puppe, mein Auto, mein Spielzeug - immer ist dies die Aussage einer Kennzeichnung. Ich habe es in Besitz genommen. Bei Erwachsenen ist es nicht viel anders, Dinge die sie besonders wertschätzen werden gekennzeichnet. Autos beispielsweise, durch die Wahl von eigenen Ziffern- und Zahlenkombinationen fürs Nummernschild. Das Namensschild an der Haustür oder Pforte dient nicht nur der Information wer hier lebt, sondern zeigt einen Hoheitsbereich an: Ab hier gelten die Regeln der Bewohner dieses Hauses. Staatsgrenzen haben eine ähnliche Funktion.

Nein, lieber Leser, ich will jetzt hier nicht die Flüchtlingsfrage thematisieren, das fällt nicht leicht, bei den vielen Metaphern die sich aufdrängen; mir geht es aber erst mal nur um die Kennzeichnung von Dingen oder Räumen. Und auch um die Interaktion zwischen den Dingen, Räumen und den Kennzeichnungen. Gekennzeichnete Dinge verändern nämlich den Charakter des Raumes in dem sie sich befinden. Manche Tiere markieren ihren beanspruchten Raum mit Duftmarken, Menschen tun im Prinzip das Gleiche in dem sie Dinge so platzieren, dass sie in den Raum hinein wirken. Eine scheinbar achtlos auf dem Sofa zurück gelassene Puppe verändert den Charakter des Raumes: Dies ist auch mein Bereich, sagt die Tochter damit, ohne es zu wissen. Ich beanspruche dieses Sofa genau wie alle anderen in diesem Haus und lasse mich nicht ins Kinderzimmer einschließen.

Die Inbesitznahme von Räumen geschieht durch gekennzeichnete Dinge die entsprechend platziert werden. Schon immer. Irgendwelche in Stein geritzte Graffiti aus längst vergangenen Jahrtausenden sagen dies ebenso. Freilich wachsen derartige Kennzeichnungen manchmal über sich selbst hinaus, bekommen künstlerische Bedeutung, denken wir nur an die Höhlenmalereien von Lascaux. Oder an Kirchtürme und repräsentative Gebäude, die nicht nur einen Zweck erfüllen und einen Innenraum vom Außenraum abgrenzen, sondern in den Außenraum hinein wirken und ihn beanspruchen. Genau das ist ja auch eine der Hauptaufgaben von beispielsweise Kirchtürmen oder Minaretten, sie sollen nach außen wirken, den Raum in Besitz nehmen, ihn bestimmen.

Immer ist damit die Machtfrage verknüpft: Hier sind wir stark, hier gelten unsere Regeln und Werte. Die Plätze von denen aus man einen Blick auf diese Gebäude hat, sind dann nicht mehr die gleichen wie vorher. Sie werden bestimmt vom Macht- und Deutungsanspruch beispielsweise des Kirchturms, des Theaters, des Museums. Dringen Menschen in diesen beherrschten Bereich ein, solche die sich den Deutungen des Gebäudes widersetzen oder die sie anzweifeln, führt das regelmäßig zu Irritationen. Ob Semperoper, der Kölner oder der Erfurter Dom, sie fühlen sich besudelt wenn in ihrem Schatten Demonstrationen statt finden die sie nicht selbst initiiert haben. Man mag hier einwenden, dass es ja nicht die Gebäude selbst sind die die Macht ausüben, sondern nur die Menschen die sie repräsentieren, doch das ist so richtig wie belanglos. Das Phänomen wird deutlicher wenn wir die Macht dem Gebäude zuordnen, weil es ein Kampf um den Raum ist. Die Puppe auf dem Sofa ist eine Demonstration für den Anspruch auf den Raum. Ich setze die Puppe auf ein Kissen, lege eine Decke über die Füße, und sage damit, sie ist hier willkommen. Der Erfurter Dom oder die Semperoper schalten ihr Licht aus, und drücken damit ihre Missbilligung darüber aus, dass von ihnen beanspruchter Raum missbräuchlich genutzt wird.

Nun haben wir es bei den beschrieben Räumen ja mit etwas zu tun was wir vorfinden und geklärt scheint, wer wo welche Macht- und Deutungshoheit hat. In Wirklichkeit aber ist dies nichts statisches, sondern immer Veränderungen und geradezu evolutionären Entwicklungen unterworfen. Menschen dringen in den Raum ein und versuchen ihn für sich zu erobern. Demos sind so was, oder Graffiti an Häuserwänden. Auch dies sind Demonstrationen gegen die Macht der Fassade die mit ihrem Geist den Raum beherrscht. Zuerst werden die Graffiti als Schmiererei und Sachbeschädigung angesehen, gehören sie später zum Straßenbild, dann hat sich die Deutungshoheit der Gebäude und Fassaden über den Raum bereits gewandelt. Es geht nie um die Gebäude selbst, bis auf ein paar Farben verändern die sich nicht, sondern um den Raum den sie beherrschen, die Straßen und die Plätze.

Nun, seit ein paar Jahren, hat sich Kampf um den öffentlichen Raum auch auf die Gebiete außerhalb der Städte ausgedehnt. Mit neuen sakralen Bauten, den Windrädern nämlich. Freilich erfüllen sie, theoretisch, auch einen praktischen Zweck. Sie sollen Strom produzieren. Wie sinnvoll dieses Konzept aus physikalischer oder ökonomischer Sicht ist, will ich gar nicht besprechen, sondern nur wie es auf Menschen wirkt. So wie der Kirchturm, das Minarett oder das Theater in den öffentlichen Raum hinein wirkt, den Charakter der unmittelbaren Umgebung prägt, so wirken die Windräder auch. Sie werden in erster Linie nicht als Industriebauten sondern als Sakralbauten wahr genommen, es sind kultische Gebilde und werden daher von der einen Seite ebenso leidenschaftlich abgelehnt, wie von der anderen befürwortet.

Der Kult übernimmt den Raum, die Landschaft lässt sich nicht mehr betrachten ohne mit dem Kult konfrontiert zu werden, sie verliert ihren eigenen Charakter, ihre Erhabenheit ist nun einer neuen Kultur untergeordnet. Dass diese Gebilde hässlich sind, dass man von Verspargelung der Landschaft spricht, ist nur ein erster oberflächlicher Eindruck und wird subjektiv verschieden empfunden. Jeder aber spürt, hier wurde der öffentliche Raum in einem bisher nie dagewesenen Umfang in Anspruch genommen. Das ist nicht mehr nur wie einzelne Graffiti, die die bisherige Deutungsmacht einer Fassade in Frage stellen, sondern vergleichbar mit der Umgestaltung einer ganz Stadt. So wie Albert Speer Berlin umgestalten wollte, eine neue Ideologie und eine neue Weltanschauung in Architektur gießen, damit die absolute Deutungshoheit über den Raum erreichen wollte, so ist das nun mit den Windrädern gelungen.

Mag sein, dass dies gar nicht so beabsichtigt oder bedacht worden ist, es also nicht einem subtilen Plan geschuldet ist, der, wie Speers Germania, gewissermaßen auf dem geistigen Reißbrett entstanden ist, doch das Ergebnis ist das gleiche. Das ganze Land wird mit neuen Sakralbauten überzogen, und erinnert uns bei jedem Blick in die Landschaft, wer den öffentlichen Raum beherrscht. Sämtliche Kirchtürme, Minarette, Schlösser, Burgen oder Theater müssten vor Neid erblassen, angesichts der gigantischen Umdeutung von Heimat und Landschaft. Nie hätten die sich träumen lassen, dass man so große Räume beherrschen kann.

Mit den Windmühlen wurde das Land gekennzeichnet: Dies ist jetzt unser Land, sagen damit die die Windräder anbeten.
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