Oktober 21, 2015

Über die Heimat

Als 1861 Robert E. Lee das Oberkommando des Unionsheeres angeboten bekam, lehnte er dankend ab, mit den Worten, dass er sein Schwert nicht gegen seinen Heimatstaat erheben könne. Seiner Schwester schrieb er: „I have not been able to make up my mind to raise my hand against my relatives, my children, my home.“ Seine Heimat, Virginia, war ihm wichtiger und näher als die Vereinigten Staaten von Amerika. Gleiches gilt auch anderenorts. Dem Aufruf Kaiser Wilhelm ll „Zu den Waffen“ folgten 1914 begeistert nicht nur solche, die deutsche Großmachtsträume hatten, sondern auch diejenigen, die eigentlich Gegner der Monarchie waren. Nun ging es um die Verteidigung der Heimat, nicht um Kolonien, so dass sogar die Mehrzahl der Sozialisten dem Aufruf Wilhelms folgte.

Zwei Beispiele nur, die deutlich machen, welche Kraft Heimat entwickeln kann. Derjenige der sich ihr verbunden fühlt, gibt für ihre Verteidigung Dinge auf, stellt sie hinten an, die ansonst seine Überzeugungen und sein politisches Dasein prägen. Dabei ist es für die Beobachtung dieser Vorgänge unerheblich, dass es eigentlich keine allgemein akzeptierte Definition für Heimat gibt. Der Begriff ist extrem unscharf, wir können uns ihm nur über das Gefühl, das individuelle Gefühl, nähern. Und wenn wir uns über das Empfinden heran wagen, so fällt sofort der Unterschied zwischen »zu Hause« und »Heimat« auf. Ersteres muss nicht gleichbedeutend mit letzterem sein und ist vor allem immer positiv besetzt. Wogegen Heimat möglicherweise auch als bedrückend und einschränkend wahr genommen wird. Mein Zuhause kann in der Fremde sein, die niemals Heimat wird, doch fälschlicherweise wird dieses Zuhause oftmals mit Heimat gleich gesetzt. Auch wenn es sich meist um den gleichen Ort, den gleichen geographischen Raum handelt, so sind es doch verschiedene Dinge.

Heimat erklärt mir, zumindest teilweise, meine Identität und meine Prägungen, den Ort wo ich her komme; Zuhause das was ich sein will, dort wo ich hin möchte. Beides nennt Orte, meint dabei aber unser emotionales Verhältnis zu unserer Umgebung. Wenn beides die gleichen Orte beschreibt, so ist davon auszugehen dass Identität und Prägungen nicht im Widerspruch zu dem steht, wer ich sein will. Ich fühle mich dann in der Heimat zu Hause, was zur Folge hat, dass die Heimatverbundenheit besonders stark ist, eng mit der eigenen Identität verknüpft.

Ob General Lee mehr an seine Heimat oder mehr an sein Zuhause dachte, als er das Angebot zur Führung der Unionsarmee ablehnte, das wissen wir nicht, vielleicht fiel bei ihm auch beides zusammen und lässt sich deshalb nicht trennen. Fest steht nur, dass seine emotionale Bindung an Virginia stärker war als die an die Vereinigten Staaten von Amerika, der Union. Virginia wollte er verteidigen, obwohl er selbst ein Gegner sowohl der Sklaverei als auch der Sezession war, wie aus zahlreichen Briefen zu entnehmen ist. Dennoch entschied er sich angesichts der kommenden Konfrontation für seine Heimat, und sollte er tatsächlich ein ideologisches Zuhause in den Vereinigten Staaten gehabt haben, so musste dies gegenüber seiner Heimat zurück treten. In Zeiten der Bedrohung entscheidet nicht die Ideologie sondern die Bindungen und Zuordnungen die mit der eigenen Identität verknüpft sind. Selbst bei so rationalen Menschen wie Robert E. Lee. Das gleiche Bild bei den deutschen Sozialisten zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Auch hier trat die Ideologie hinter die emotionale Bindung und die Identität zurück. Nicht bei allen, doch mehrheitlich. Sie entschieden sich fürs Vaterland, für die Heimat, und gegen die Ideologie.

Nun sind es nicht nur Angriffe von außen, die die Heimat bedrohen, das was als Heimat empfunden wird, sondern auch Veränderungen in der Heimat selbst, die gefühlt den Charakter des Zuhause verändern, was mindestens als Verunsicherung wahr genommen wird. Veränderungen an Flüssen und Wäldern, eine neue Straße, Stromleitungen und Windmühlen, ein Bahnhof oder ein Flughafenausbau, immer regt sich Widerstand von Menschen die ihre Heimat in Gefahr sehen. Doch das sind nur die Äußerlichkeiten, im Kern geht es um den Verlust von Identität, nicht nur der Heimat, sondern auch die vom Heimatverbundenen. Die unvermeidlichen Auseinandersetzungen um Frösche und Käfer, Vögel und Fische, sind nur die Fassade von tiefer sitzenden Ängsten. An der Oberfläche wird mit Gutachten und Statistik gearbeitet, auf naturwissenschaftliche oder technische Argumente zurück gegriffen, nur weil man sich entweder seiner tiefer sitzenden Ängste, nämlich die um die Identität, nicht bewusst ist, oder sich nicht getraut dies auszusprechen.

Das gleiche Bild beim Begriff Leitkultur. Dieser wird ja nun von nahezu allen relevanten politischen Strömungen in Verbindung mit der Flüchtlingskrise gebraucht. Doch kaum jemand hat eine klare Vorstellung davon, welche Erwartungen eigentlich mit Leitkultur verbunden sind. Fragt man nach, erhält man undeutliche Antworten. Vom Grundgesetz über die Aufklärung, bis hin zu christlich-jüdischer Tradition ist die Rede. Von Werten wird gesprochen, der Freiheit, der Gleichberechtigung. Man merkt den Rednern an, dass sie von der Oberfläche sprechen, mit Argumenten hantieren, von denen sie glauben, sie würden eine Überzeugung transportieren, ein Weltbild. In Wirklichkeit aber, sprechen sie von einem Gefühl von Heimat, oder von Zuhause, und das Problem dabei ist, diese Gefühle in allgemein verständliche Bilder zu verwandeln. Oder sie glauben dem Gefühl nicht, versuchen es zu verdrängen, weil es so schlecht zur vorherrschenden Ideologie passt.

Die Menschen wissen, dass sich ihre Heimat, wie ihr Zuhause, verändern wird. Darum geht es ihnen im Grunde. Und das verbinden sie mit Angst oder Hoffnung. Hoffnung haben diejenigen, die die Heimat eigentlich nicht mögen, deren Zuhause nicht in der Identität der Heimat ist; Angst diejenigen, bei denen Zuhause und Heimat gleich sind. Erstere wollen das Bild ihrer Heimat, die sie immer durch deren kulturellen Befehle als einengend und bedrückend empfunden haben, so verändern, dass sie ihnen ein Zuhause wird, während die anderen ihre Heimat, welches gleichzeitig ihr Zuhause ist, verteidigen möchten. Frau Merkels Ausspruch: „Dann ist das nicht mehr mein Land,“ drückt ganz genau diese Gefühlslage aus. Sie hat Angst um ihre Heimat, von der sie bislang glaubte, dies wäre auch ihr Zuhause.

Nun wird nach Begründungen gesucht, sie finden sich von allein für jede Position. Im Grundgesetz, in den Idealen der Aufklärung, in der Kultur. Wir dürfen davon ausgehen, dass die meisten verwendeten Argumente Strohmänner sind, in Wirklichkeit ist es ein Kampf um die Heimat welcher entbrannt ist. Und dieser wird um so verbitterter geführt werden, je stärker eigene Identifizierungen mit der Heimat verbunden sind. Sowohl der Heimat die ist, als auch der die man haben möchte.

Wie sich General Lee entschieden hat, das wissen wir. Aber er wusste auch was seine Heimat ist. Wissen wir das über die unsere? Fühlen wir uns Zuhause in der Heimat als kulturellem Gebilde, welches gleichzeitig uns unsere Identität und Prägungen erklärt, damit quasi ein Teil von uns ist, oder in einer Heimat der Ideologien, die darauf warten umgesetzt zu werden. Auch wenn dabei die Heimat so verändert werden muss, das sie zur Ideologie passt. Nochmal zu Frau Merkel. Ist ihre Heimat eine der Identität oder eine der Ideologie? Ich vermute, der Heimatbegriff ist bei ihr eher ideologisch besetzt. Über die Werte.

Einwanderung in der Größenordnung wie sie derzeit beobachtet werden kann, wird die Heimat verändern, mehr als irgendwelche Windmühlen, Flughäfen, Bahnhöfe oder Stromleitungen, und dazu führen, dass sich Menschen entscheiden müssen. Entweder für die Heimat und gegen die Ideologie, oder umgekehrt. Ein Blick darauf, wie sich Menschen entschieden haben, als sie mit anderen Bedrohungsszenarios der Heimat gegenüber konfrontiert wurden, sollte mit der Illusion aufräumen, dass es möglich ist, dauerhaft gegen Dinge zu entscheiden, die eng mit der eigenen Identität zusammen hängen.

Es ist müßig darüber zu sinnieren, ob der Heimatbegriff, dann wenn er eng mit der eigenen Identität verbunden ist, nur eine neue Deutung über die Werte benötigt, um die kommenden Veränderungen akzeptieren zu können. In dem Moment, in dem die Identität der Heimat bedroht ist, somit auch die eigene, interessieren die Werte nur am Rande. Die Rede von der Leitkultur, sowie wie die Aufzählung der humanistischen Werte, dient im Grunde nur dazu, die Angst vorm Heimatverlust in andere Worte zu kleiden und der Angst eine ideologische Begründung zu geben.

Die Politik sollte erkennen, was sie den Menschen zumuten kann und was nicht. Wenn die sich nämlich aus Angst um ihre eigene Identität entscheiden müssen, und sozusagen in die Selbstverteidigung gehen, dann spielen die Werte und die Kultur keine große Rolle mehr. Sie traten auch bei General Robert E. Lee in den Hintergrund, als der sich entschloss seine Heimat zu verteidigen.

Kommentare :

  1. nachdenken_schmerzt_nicht22. Oktober 2015 um 14:33

    Diese Gedanken sind mehr als außergewöhlich. Danke für diese Einsichten.

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  2. Die Politik derzeit mutet dem eigenen Volk Heimatlosigkeit zu. Das ist menschenverachtend.

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  3. Ja, genau das ist es, warum ich seit Monaten schlecht schlafe. Es hat eben nichts mit "Fremdenfeindlichkeit" zu tun, denn ein gewisses Maß an Fremden verändert die Heimat nicht, Tausende auf einmal aber schon.

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  4. Ich glaube, als Heimat erleben viele Menschen das von klein auf Vertraute. Das sind sinnliche Erfahrungen wie das Bild einer Landschaft, einer Stadt, ein Dialekt, Geräusche (Vogelrufe, Meeresrauschen), Gerüche (z.B.die von blühenden Sträuchern), vielleicht typische Gerichte. Heinrich Heine meinte, als er die deutsche Sprache vernahm, dass "das Herz recht angenehm verblute". Mascha Kaleko schrieb: "schön war die Fremde, doch Ersatz, mein Heimweh hieß Savignyplatz." Und Tucholsky meinte, nur in der Heimat spräche unser Herz. Im Russischen heißt Heimat "rodina". Das taucht im Deutschen als "Radi" oder "Radieschen" auf, also "Wurzel". Mit unserer Heimat sind wir also verwachsen, Heimatlosigkeit ist Entwurzelung, letztlich emotionale Verlorenheit - etwas Bedrohliches. Ich stimme dem Vorkommentator zu, dass die große Anzahl der Migranten unsere Heimat so zu verändern droht, dass sie uns nicht mehr Heimat sein wird.

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  5. Ich glaube in Deutschland ist der Begriff Heimat verpönt. Bei manchen Journalisten habe ich den Eindruck die glauben er sei rechtsradikal.
    Was mir besonders auffällt ist, dass wir Deutschen in den Medien unsere Heimat gezielt und über die Maßen hinaus schlecht reden.
    Unsere Medien und die Politiker muten uns das seit Jahrzehnten zu. Interessanterweise werdens sie trotzdem gewählt. Würde in keinem anderen Land dieser erde passieren.
    Mir scheint das ein merkwürdiger und unnötiger Minderwertigkeitskomplex zu sein.

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    1. Lieber Günter,
      der Heimathass, oder das schlechtreden der Heimat, sind sicher Auswirkungen eines Kulturkampfes. In »Sind so kleine Hände« schrieb ich:

      „Genau genommen wurde mir der Heimatbegriff ordentlich vergällt, denn alles was hätte Heimat sein können, wurde in meinen Augen ideologisiert. Dies ging so weit, dass solche Brauchtümer wie das Schnitzen von Weihnachtspyramiden oder Nussknackern in den Kontext einer fortschrittlichen sozialistischen Ordnung gesetzt wurde. In der Schule wurde uns beispielsweise erzählt, dass diese Tradition aus der Not der Bergarbeiter im Erzgebirge entstanden sei, was vielleicht stimmt, dies aber heute als Erinnerung und Mahnmal an eine vergangene und überwundene kapitalistische Gesellschaftsordnung zu sehen sei. Hier haben wir es wieder, diese Umdeutung und Kontextuierung von Tradition in eine neue Ideologie, etwas was ich nicht nur im Rückblick auf den real existierenden Sozialismus entdecke, sondern bei Ideologen jeglicher Richtung.“

      Darum geht es letztlich: Um die Ideologisierung und Neukontextiierung von Heimatgefühlen. So wie im real existierenden Sozialismus die Familie kritisch beäugt wurde, man versuchte dieses Familiengefühl auf die ganze sozialistische Gemeinschaft zu transferieren, so sind diese Bestrebungen auch in Hinblick auf die Heimat zu sehen. Dazu muss man die bisherigen Gefühle als etwas überkommenes darstellen, um sie dann neu kanalisieren zu können.

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    2. @Quentin

      Wenn man Deutschland als Heimat versteht heißt das, dass man niemanden ausgrenzen kann, so wie Gauck das mit seinem Wort von "Dunkeldeutschland" getan hat. Heimat bedeutet, dass man die Menschen akzeptiert wie sie sind mit ihren Stärken und Schwächen und ihren Meinungen.
      Was wir zur Zeit erleben ist ein Ausgrenzen von deutschen Staatsbürgern aufgrund ihrer Meinung. Ein interessanter Lesebrief in der FAZ hat das als inversen Rassismus bezeichnet.
      Dieses Ausgrenzen gab es schon mal in den 70iger und 80iger Jahren. So reagiert der Mainstream anscheinend auf ihm unangenehme Meinungen. Opfer waren damals die Linken und die Grünen. Interessant, dass sie jetzt die gleichen Methoden anwenden.

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  6. Weitere Kommentare zum gleichen auch auf der Achse des Guten erschienenen Artikel.

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