Oktober 19, 2015

Die Heimatfremdlerin

Die Heimatfremdlerin war ein Schreikind. Was ihre Eltern auch immer versuchten, sie konnten ihr Geschrei nicht stoppen. Je näher sie das Kind zu sich nahmen, auf den Arm, ins Bett, je beruhigender sie auf es einredeten, Schlaflieder sangen, um so mehr schrie es. Den Versuch, ihr Baby zu stillen, musste die Mutter bald aufgeben. Statt zu saugen, biss die Heimatfremdlerin nur zu. Noch heute ekelt sie sich vor Milch, und war dann doch sehr enttäuscht, als man keine Lactoseintoleranz fest stellen konnte. Aber was wissen Ärzte schon. Die Eltern haben sich bald scheiden lassen, von Selbstvorwürfen zerfressen, weil es ihnen nicht gelang das Kind zu beruhigen, flüchtete der Vater sich in die Arbeit, die Mutter wurde Esoterikerin, oder umgekehrt. Von da an, wurde die Heimatfremdlerin ein wenig ruhiger. In der Kita wollte man ihr zwar auch hin und wieder nahe kommen, doch nicht so schleimig klebrig widerlich wie es die Eltern taten. Was anderen Kindern vertraute Nähe war, die zur Mutter, oder anderen Verwandten, empfindet die Heimatfremdlerin als anmaßend und bedrohend.

Man hätte es erkennen können, schon als sie noch ein Baby war, dass es immer die Nähe war, das Bekannte, andere sagen das Vertraute - doch das würde ja Vertrauen voraussetzen, nein Vertrauen zum Bekannten hat die Heimatfremdlerin nicht - was ihre Abwehrreaktion auslöste. Geborgenheit kann es nicht in der Nähe geben, im Bekannten, das will einen ja nur vereinnahmen. Die Unverbindlichkeit der Ferne, das Unbekannte, war was sie anzog. Einmal, als eine Passantin das Kind im Kinderwagen an der Wange tätschelte, wie immer schrie die Heimaltfremdlerin, war sie schlagartig still, ja lächelte sogar. Mit einem verachtenden Blick zur Mutter, ging die Passantin weiter. Diese nahm sich den Vorwurf an, obwohl sie nicht wusste, was sie eigentlich mit dem Kind falsch macht, und fühlte sich hundselend. Die Heimatfremdlerin lächelte weiter, ja genau das wollte sie, dass sich die Eltern elend fühlen, weil die sie mit ihrer Nähe immer zu erdrücken versuchen.

Später, als junge Erwachsene, hatte sie nie Sex mit jemanden aus ihrem Wohnort. Einmal nur, hinter der Hecke im Schulhof, knutschte sie mit einem Klassenkameraden rum. Als der ihr auch noch an den Hintern fasste, schlug sie zu. Von da an suchte sie sich für ihre erotischen Abenteuer nur noch Fremde, Partner von denen sie nicht mal den Namen wusste. Diese konnten sie nicht im Innersten begrabschen, berührten ihre Gefühle nicht. Das Fremde wurde ihr zur Heimat, dort konnte sie niemand vereinnahmen und dort fühlte sie sich frei.

Mit der Heimat hat sie sich nie ausgesöhnt, bis heute nicht, obwohl sie nun in die Jahre gekommen ist, wie man so sagt. Die Personen, die Gebäude, die Gerüche, irgendwas versuchte immer in sie einzudringen, etwas von ihr zu rauben, sie in ihrer Bewegungsfreiheit zu behindern. Nur das Fremde erzeugt jenes wohlig zufriedene Gefühl, nach dem sie sich auch sehnt. Doch das Fremde will nichts von der Heimatfremdlerin, es lässt sie in Ruhe. Deshalb möchte sie am liebsten die ganze Welt umarmen, und ihr danken für die Freiheit. Andere glauben ein Zuhause nötig zu haben, und mauern sich dabei ein, bauen sich ihr eigenes Gefängnis, in dem sie ihr eigentliches Wesen verlieren. Wie ein Chamäleon sich der Farbe der Umgebung anpasst, so richten sich diese Menschen nach ihrer Umgebung aus. Was haben die nur für einen Charakter?

Manchmal trifft sie sich mit anderen Heimatfremdlern, von manchen kennt sie nun sogar den Namen, und die Gespräche die sie dann führen, sie drehen sich immer um die Kindheit, was sie da erlitten haben, als man sich gegen die bedrückende und einschränkende Nähe nur durch Schreien wehren konnte. Diese Treffen finden zwischen Januar und November statt, niemals im Dezember, vor Weihnachten und der Advendszeit haben alle Heimatfremdler Angst. Heimlich schleichen sie sich am Heiligen Abend in die Kirche und beobachten das Krippenspiel. Der Hass auf die Heimat wandelt sich in diesem Moment in einen gegen sich selbst. „Ich möchte dazugehören“ erzählen die Tränen, die an diesem Abend über die Wangen laufen. Bevor die Kirche aus ist, macht die Heimatfremdlerin sich davon, rennt weg, hin zum Ort ihrer Bescherung. In der Bahnhofkneipe betrinkt sie sich dann.
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