September 19, 2015

Der Mitläufer

Der Mitläufer trägt einen irreführenden Namen, er kann nicht laufen, wahrscheinlich hat er gar keine Beine. Genau weiß man es nicht, denn er trägt einen Umhang, oder einen Rock, der bis zum Boden reicht. Manche vermuten, dass darunter Beine sind, doch ihn laufen sehen, das hat noch nie jemand. Vielleicht ist es nur der Rock, oder der Umhang, der ihm eine gewisse Stabilität verleiht, damit er nicht umfällt. Bewegen kann er sich damit allerdings nicht. Doch Arme hat er, zwanzig Stück. Die sind elastisch und können bis zu mehreren Metern lang sein, und an deren Enden befinden sich Saugknöpfe. So ähnlich wie beim Tintenfisch. Damit hält er sich bei denjenigen die Beine haben fest, bei denen die laufen können.

Doch er ist sehr misstrauisch, nicht überall hält er sich fest. Er könnte in eine Richtung gezogen werden, die ihm nicht behagt. Es ist allerdings nicht die Richtung selbst, die er beurteilt und nach der er seine Haltepunkte auswählt, von Richtungen hat er keine Ahnung, ihm kommt es auf die Dichte an. Es ist ja das Problem mit diesen Leuten, die die Beine haben, dass sie sich von der Masse manchmal entfernen, und dann, da sie nun allein sind, vielleicht stolpern und hinfallen. Was könnte er dann tun, hätte er sich an so jemanden rangehängt? Da er keine Beine hat, oder sie zumindest nicht zu benutzen weiß, müsste er irgendwo verhungern oder verdursten weil er sich von seinem Platz allein nicht fort bewegen kann. Allen möglichen Gefahren wäre er schutzlos ausgeliefert.

Nur in der Masse, wenn Viele dicht beieinander stehen, oder wenn Viele in die gleiche Richtung laufen, dort fühlt er sich geborgen. Sein einziges Kriterium bei der Auswahl seiner Haltepunkte ist deshalb Redundanz. Viele müssen es sein, sie müssen sich gleichen und falls eine Bewegung erkennbar ist, müssen alle in gleiche Richtung gehen. Welche Richtung, das ist egal, Hauptsache gleich. Nur aus diesem Grund, wegen der Redundanz, hat der Mitläufer so viele Arme. Und auch deswegen braucht er die Dichte; er wird von der Masse, dort wo sie am dichtesten ist, geradezu magisch angezogen. Nur dort findet er die vielen Haltepunkte, die ihm letztlich die Sicherheit geben, nach der er begehrt.

Sollte er fühlen, dass einer seiner Haltepunkte sich anschickt auszuscheren, die Richtung der Masse zu verlassen, dann zieht der Mitläufer seinen Arm ganz schnell zurück. Zu groß ist seine Angst davor, den Kontakt zur Masse zu verlieren. Dieses Loslassen macht ihm nichts aus, die Bindungen die er eingeht sind nie emotional, sie dienen nur der eigenen Sicherheit. Schnell hat er einen anderen Haltepunkt gefunden, einen der genau wie die neunzehn anderen ist.

Ein Problem mit der Masse hat der Mitläufer allerdings. Ab einer gewissen Dichte erkennt der Mitläufer nicht mehr, ob die Anderen Beine haben, oder auch nur Mitläufer sind. Er kann es mit seinen Armen nicht erfühlen und da er von Richtungen auch nichts versteht, da er keine Beine hat hat sich nie darum kümmern müssen, bekommt er auch von einer Richtungsänderung nichts mit, solange nur alle die gleiche Änderung vornehmen. Und deshalb ist es auch schon vorgekommen, dass sich nur Mitläufer gegenseitig fest gehalten haben. Zwar spürt er anfangs, dass da jemand nach ihm greift, sich an ihm festhalten möchte, doch das beunruhigt ihn nicht, im Gegenteil, er fühlt sich geschmeichelt und bestätigt. In solchen Momenten träumt er davon, wie es wäre selbst Beine zu haben, um die Richtung des Marsches mitgestalten zu können. Machtphantasien, ihm sonst völlig fremd, nehmen Besitz vom ihm. Mit jedem Arm der nach ihm greift, werden sie stärker.

Besteht dann irgendwann die Masse nur noch aus Mitläufern, genügt ein einziger Mensch mit Beinen und einer Idee von einer Richtung, um die Masse in Bewegung setzen zu können. Die Mitläufer folgen alle und von der Ferne sieht es so aus, als könnten sie laufen. Dabei halten sie sich nur gegenseitig und glauben sich in Sicherheit und auf dem richtigen Weg. Wenn es alle tun, kann es nicht falsch sein. Alternativen spürt der Mitläufer nicht, in Alternativen kann er nicht denken. Alternativen gefährden die Masse, und somit seine Sicherheit und Geborgenheit. Deshalb braucht er auch keine Beine zum laufen, sondern nur Arme um sich fest zu halten.

1 Kommentar :

  1. Sie werden nicht konkret. Philosophieren um des Philosophieren Willen füllt Bibliotheken. Nennen Sie den, oder die Persönlichkeit, dessen, oder deren Politik Sie verteufeln, weil aus Ihrer Perspektive das Volk, oder was Sie darunter verstehen, eine Region, ein Land, Europa, die Freie Welt, nicht so regiert wird, wie es Ihrem Willen, Ihrer Vorstellung entspricht, gleichwohl von Mitläufern in Amt und Würden "getragen" wurden. In der EU gibt es freie Wahlen. Despoten haben kurze Beine. Sie sind es, die sich mit Händen an die Macht klammern. Meinen Sie aber Meinungsmacher unter Publizisten, Essayisten, Journalisten, Extremisten von rechts bis links, die, der Papier gewordenen Gedankenfreit sei es geschuldet, Einfluss auf tumbe Geister ausüben, so träfe Ihre Aussage vom Mitläufer zu. Diese Meinungsmacher sind Propheten des Zeitgeists, austauschbar, vergänglich und schaden gefestigten demokratischen Strukturen wenig bis gar nicht. Sie mögen lästig sein, das ist zu ertragen. So sehe ich die Dinge. Das ist meine Weisheit letzter Schluss. 😎

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