Januar 18, 2014

Ökologismus, noch Ideologie oder schon Kultur?

Irgendwann Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts sprach ich mit einem Jugendlichen, kurz nach dem der von einem Schüleraustausch aus den Vereinigten Staaten zurück gekehrt war. Drei oder vier Wochen war er irgendwo in Oregon und froh wieder zurück in Deutschland zu sein. Schrecklich reglementiert sei alles, nicht mal Kippen konnte er ohne Hilfe kaufen. Als Jugendlicher könne man dort eigentlich gar nichts machen. Hier sei die Gesellschaft viel freier.

Das mag ein subjektiver Eindruck gewesen sein, und wahrscheinlich auch daran liegen, dass es ihn in eine ziemlich ländliche Gegend verschlagen hat, ich war dennoch einigermaßen erstaunt, dachte damals eigentlich, die Gesellschaft dort wäre freier als die unsere. Für Jugendliche offensichtlich nicht überall. Dennoch ließ mich diese Äußerung nicht in Ruhe und da ich stolzer Besitzer eines neuen PC war, CompuServe nun auch das Internet für Leute wie mich nutzbar gemacht hatte, wollte ich es ein wenig genauer wissen und kontaktierte eine Forenfreundin in den Staaten, die sich als großer Fan Deutschlands gezeigt hatte und diverse Foren zur Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse nutzte.

„Wir haben im Gegensatz zu euch keine Kultur die regelt was erlaubt ist und was nicht, wir müssen das mit Gesetzen machen“ so lautete ihre Antwort auf meine Frage. Das leuchte mir ein, setzt aber voraus, dass eine Kultur existiert der sich alle zugehörig empfinden. Anstand und Sitte werden kulturell geregelt, wie Menschen miteinander umgehen welche Handlungen und Verhaltensweisen akzeptiert sind, und welche nicht. Bei diesem Gedankengang musste ich natürlich ein wenig lächeln, als „reingeschmeckter“ bei den Schwaben hatte ich beispielsweise das Kulturgut „Kehrwoche“ kennengelernt. Nicht dass anderswo die Gehwege nicht genauso gründlich geputzt werden, nur wird dort nicht so Aufhebens darum gemacht.

Aber ist nicht alles irgendwie Kultur. Es wird von Firmenkulturen gesprochen genauso wie von christlich-abendländischer oder fernöstlicher Kultur. Hier sollte dann schon die Frage erlaubt sein, welche Mechanismen wirken, dass Menschen ihre Verhaltensweisen, freiwillig oder unfreiwillig, einer bestimmten Kultur anpassen. Natürlich haben wir Gesetze, die letztlich auch ein Produkt unserer Kultur darstellen, doch was wirkt darüber hinaus, so wie es meine Forenfreundin meinte, welche ungeschriebenen Gesetze werden befolgt, sozusagen als Ergebnis von einer allgemein akzeptierten Moral: Das macht man nicht. Pünktlich zu privaten Verabredungen zu erscheinen, ist hierzulande Voraussetzung um ernst genommen zu werden, in anderen Ländern wird das als eher ungern gesehen, zumindest wenn es um private Verabredungen geht, denn der andere könnte sich unter Druck gesetzt fühlen. Überhaupt, vor allen in Asien, auf Fragen oder Bitten eine klare Absage zu bekommen, ist fast unmöglich. Hier muss gedeutet werden, eine Antwort im dem Sinne: „Ich werde versuchen“ bedeutet Nein. Ein klares direktes Nein könnte vom Gegenüber als beleidigend empfunden werden, so werden auch Fragen so gestellt, dass der Andere nicht Nein sagen muss.

Kulturelle Unterschiede eben, und wenn dann religiöse Befindlichkeiten hinzukommen, man denke nur an muslimische Länder und die entsprechen Dresscodes vor allen für Frauen, dann wird klar: Auch ungeschriebene Gesetze gelten, besonders dann, wenn man Zugehöriger einer bestimmten Kultur sein will. Jede Gesellschaft hat somit Regelungen was man tut, und was nicht. Meist ist dies mit Moral verbunden, so wird in der Moralgeschichte in verschiedenen Stufen unterschieden zwischen erlernter Moral, eine die mit Belohnung und Bestrafung verbunden ist, bis hin zu prinzipiengeleiteten Moralvorstellungen in der klare Unterscheidungen zwischen richtig und falsch vorgenommen werden. Schon hier zeigt sich, eine komplett einheitlich akzeptierte Moral gibt es auch in einer Kultur nicht, vielmehr ist ein Konglomerat von erlernten Verhaltensweisen, die gewissermaßen mit Anpassung in die vorherrschenden Kultur zu tun haben, und tieferen Überzeugungen aus der dann eigene ethische Werte abgeleitet werden, also mehr eine individualistische Moral darstellen.

Das kann zu Konflikten führen, weil man durch kulturell bestimmte Umstände sich zu Verhalten gezwungen sieht, das mit der eigenen Moral nicht kompatibel ist. Dadurch entsteht ein schlechtes Gewissen, dass dann wieder beruhigt werden muss. Töten ist in den meisten Fällen moralisch nicht vertretbar, geschieht es aber auf Befehl, wie im Krieg, so kann das eigene Gewissen mit diesem Befehlsnotstand beruhigt werden, und die Handlung selbst bleibt als etwas Fremdes zurück, etwas was mit der eigenen Moral nicht zu tun hat. Canetti spricht hier vom Befehlsstachel der sich tief in die Seele des Menschen eingräbt, dort aber ein Fremdkörper bleibt den man wieder los werden will.

Töten ist aber nur die extremste Form eines moralischen Konflikts, wir alle sind ständig Zwängen (eigentlich kulturellen Befehlen) ausgesetzt, die unseren individualistischen moralischen Überzeugungen mehr oder weniger widersprechen. Ein schwärender Stachel bleibt in der Seele zurück, wie Canetti sagen würde, oder ein schlechtes Gewissen wie es landläufig genannt wird. Wir sind alle fehlbar und Sünder, so wird dieser Umstand in den Religionen beschrieben. Es sind nur verschiedene Beschreibungen des gleichen Sachverhaltes und betrifft religiöse Menschen genauso wie die anderen, da der Auslöser Zuwiderhandlungen gegenüber prinzipiengeleiteten Moralvorstellungen ist. Das kann, muss aber nicht mit Religion zu tun haben. Religiöse Menschen werden vielleicht schon das Denken von sündigen Handlungen belastend empfinden, während andere nur die Handlung selbst, wenn sie vollzogen ist, als Verfehlungen gegenüber eigenen Wertvorstellungen betrachten.

Wir sehen also, es besteht ein latenter Konflikt zwischen den Befehlen die uns die umgebende Kultur gibt, mit all den erlernten Verhaltensweisen die aus der Alltagskultur hervorgehen, und auf der anderen Seite, den prinzipiellen individualistischen Moralvorstellungen, welche religiös begründet sein können, es aber nicht sein müssen. Jede Art von Ideologie kreiert die Unterscheidung in richtig und falsch, weshalb es auch ein natürliches Bestreben ist, die Alltagskultur an die Ideologie anzupassen um nicht gezwungen zu sein, Handlungen vorzunehmen die der Ideologie widersprechen. Dies ist ein Prozess der mal mehr, mal weniger deutlich, ständig abläuft und zu einer stetigen Veränderung der Kultur führt.

Diese etwas lange Einleitung ist notwendig um zu verstehen wie Ideologien auf Gesellschaften wirken, wie sie Kulturen prägen und verändern. Dabei ist es völlig nebensächlich um welche Ideologie es geht, wenn sie nur genügend Anhänger hat und entsprechende Narrative anbietet, die von der Gesellschaft als Erklärungsschablonen gebraucht werden können. Sozialismus, Kapitalismus, Religion, Neoliberalismus, Ökologismus - die Liste lässt sich wahrscheinlich unendlich weiter führen, sie alle entwickeln prinzipiengeleitete Moralvorstellungen an diese sich dann Stück für Stück die Gesellschaft anpasst.

Dennoch bleibt immer ein Widerspruch, sei es durch konkurrierende Ideologien, sei es durch technische oder wissenschaftliche Weiterentwicklung, die bisherige Narrative als überholt oder falsch erscheinen lassen, immer sieht die Wirklichkeit ein wenig anders aus als es uns lieb ist und zwingt uns zu Verhaltensweisen die ein schlechtes Gewissen hervorrufen, sofern wir dem kulturellen Befehl folgen. Um dem Befehlsstachel wieder los zu werden, so meint Canetti, bedarf es eine Umkehrung der Verhältnisse, was im eigentlichen Sinne Revolution heißt, demjenigen der die Macht hat wird diese entzogen und er muss sich nun den Befehlen seiner Widersacher beugen, es kann aber in etwas weniger brachial in Form von Missionierung geschehen. Die eigenen prinzipiellen Moralvorstellungen zwingen dazu: „Man muss doch etwas tun“. Und in dem man etwas tut, revolutioniert oder missioniert, schafft man wieder den Ausgleich zwischen den eigenen moralischen Vorstellungen, die natürlich auf Grund der zu Grunde liegenden Ideologie universelle Gültigkeit haben, und der Realität.

Für diejenigen die diesen Weg zum Ausgleich des seelischen Gleichgewichtes nicht gehen können, weil sie sich zu schwach dazu fühlen, oder weil sie mehr individuelle Opfer erbringen müssten als sie zu geben bereit sind, müssen mindestens durch rituelle und/oder symbolische Handlungen vor sich selbst deutlich machen, welche moralischen Werte für sie die richtigen sind. Religionen haben diesbezüglich reichlich Erfahrung und bieten den Gläubigen eine Vielzahl von Möglichkeiten an die eigenen moralischen Ansprüche mit der Realität in Einklang zu bringen. Dies beginnt schon mit der Kirchensteuer oder den Kauf von BIO-Produkten, mit der sich die Ökologisten, die als Anhänger einer säkularen Religion gesehen werden können, moralisch vor sich selbst rechtfertigen.

Stück für Stück diffundieren Verhaltensweisen die aus den Geboten einer neuen Moral entspringen in die Gesellschaft, werden zur Kultur die dann nicht mehr hinterfragt wird, und die auch nicht begründen muss, warum dieses oder jenes getan wird. Die Kultur löst sich sozusagen von der Ideologie und wird selbst normgebend. Handlungen werden erlernt, ohne den Sinn der Handlungen zu hinterfragen, sie sind zum allgemeinen Kulturgut geworden. Weihnachten feiern auch diejenigen die an keinen Gott glauben, und Müll wird schön brav auch von denen getrennt, die eigentlich mit den Ökos nicht viel am Hut haben, selbst von denen die einzelne Handlungen wie das Mülltrennen für Blödsinn halten, tun es trotzdem die meisten. Gleiches lässt sich über Handlungen zum Klimaschutz sagen, oder der Ressourcenschonung. All dies wird nicht mehr mit rationalen Argumenten begründet sondern mit einer prinzipienbegründeten Moral die bereits Teil der Alltagskultur geworden ist. Die Ökokultur ist Teil der Gesellschaft geworden und wird auch nicht wieder verschwinden, wenn sich herausstellt, dass einzelne Elemente der Ideologie des Ökologismus als widerlegt oder wissenschaftlich falsch erkannt werden. Was richtig und falsch ist, bestimmt die Kultur und nicht die Wissenschaft, also werden Verhaltensweisen erst dann geändert, wenn sich herausstellt dass sie in der Praxis nicht mehr aufrecht erhalten können weil sie zu erheblichen konkreten ökonomischen Nachteilen führen.

Entscheidend für einen derartigen Wandel ist immer die Praxis, können die Riten der Kultur, mit der Selbstbestätigung und moralische Werte verbunden sind, aufrecht erhalten werden, ohne dass es zu spürbaren Nachteilen gegenüber anderen Kulturen kommt. Ist dieses Spannungsverhältnis zu groß, wird die Gesellschaft neue Ideologien prüfen, aus denen dann Rechtfertigungsnarrative und vor allem moralische Begründungen abgeleitet werden können die nicht mehr so im Widerspruch zur Lebenswirklichkeit stehen. Dieser kulturelle Anpassungsmechanismus an die Lebenswirklichkeiten ist ein permanenter Prozess, immer aber hinkt die Alltagskultur der realen Entwicklung hinterher, ja die Betrachtung der Alltagskultur ist eigentlich ein Blick in die Vergangenheit. Die Avantgarde, diejenigen die die Kultur in der Zukunft prägen werden sind in Gegenwart nicht zu erkennen. Erahnen kann man es vielleicht, wenn man die technische Entwicklung betrachtet, das was in der Praxis die Menschen begleiten wird, denn diese neuen Lebenswirklichkeiten werden sich ihre eigene moralischen Rechtfertigungen schaffen, aus der dann wieder eine neue Kultur entsteht, ohne dass die alte vollständig verschwindet. Etwas bleibt immer zurück, außer bei Kulturrevolutionen, wenn alles ins Gegenteil verkehrt wird.

Revolutionen sind aber immer auch so etwas wie Dammbrüche, etwas hat sich zu lange aufgestaut, natürliche Anpassungsprozesse wurden durch totalitäre Ideologien verhindert, oder durch Kulturen die zu lange an den Normen einer vergangenen moralischen Legitimation fest gehalten haben. Leider ist der Ökologismus schon sehr nahe dran eine totalitäre Ideologie zu sein, allerdings nur in der Theorie, und Theorien sind niemals bestimmend, nur die Praxis. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, das hatte schon Bertolt Brecht völlig richtig erkannt.

Ergänzend dazu:

Moralentwicklung im Kulturvergleich
Anthropozän und Technium

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