Oktober 31, 2013

Diaspora, Integration und die Freiheit des Individuums

Die Verhandlungen zur Bildung einer Regierungskoalition aus UNION und SPD sind im Gange und wie es aussieht, werden sich die Parteien einig werden. Alternativen dazu haben sie eh keine. Zum Geschäft gehört, dass sowohl trennendes als auch verbindendes betont wird. Übliches Geklapper. Nun war auch von unterschiedlichen Auffassungen in der Familienpolitik die Rede. Mehr Geld ausgeben wollen sie alle, doch wo es hinfließen soll, direkt in die Familien oder in verbesserte Betreuungsangebote, darüber herrscht kein Konsens. Wahrscheinlich kommt beides, ein bisschen. Die Vor- und Nachteile dieser jeweiligen Vorstellungen sollen nicht Gegenstand dieser Zeilen sein, zumindest nicht vordergründig. Interessant wird es wenn man betrachtet welche Gründe es gibt, warum die Familien nicht direkt finanzielle Zuwendungen erhalten sollen, sondern über den Umweg des fürsorglichen Staates. Verschämt nur wird ausgesprochen was allen klar und deutlich ist: Direkte Zuwendung bekommen die Falschen und die machen dann auch noch das falsche damit. Gemeint sind in aller erster Linie die Ausländer, jedes Geld was sie erreicht, wird entgegen dem eingesetzt, was in allererster Linie gewünscht ist, nämlich Integration. Denn, das singen alle im Chor, Ausländer müssen sich integrieren. Doch stimmt das überhaupt?

Hier wird es darauf ankommen, was mit integrieren gemeint ist. Dass hiesige Gesetze befolgt werden müssen steht außer Frage, das hat mit Integration überhaupt nichts zu tun, denn auch Sonder-, Parallel- oder Seperatgesellschaften müssen dies. Integration aber soll den Zustand der »Exklusion« oder der »Seperation« aufheben, wie es bei Wikipedia heißt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Einerseits sollen Ausländer ihre kulturelle Identität bewahren, um nicht entwurzelt zu werden, andererseits sollen sie sich integrieren, am besten soweit, dass sie nicht weiter auffallen. Das funktioniert nicht. Wenn Parallelgesellschaften sich nicht integrieren wollen, dann wird man mit entsprechenden Druck nur bewirken, dass sie sich noch weiter abschotten und aus der Parallelgesellschaft eine Gegengesellschaft wird.

Kulturelle Identität ist aber mehr als Folklore, sie betrifft das eigene Selbstverständnis, und gerade in der Fremde wird dies dem Einzelnen umso deutlicher. Nachfühlen kann dies jeder der einmal für längere Zeit im Ausland gelebt hat, oder gar selbst ausgewandert ist. Es bildet sich, wenn genug Menschen zusammenkommen, eine Diaspora mit eigenen Zeitungen, Webseiten, auch Kindergärten und Schulen oder Stammtische. Und sollte jemand auf die Idee kommen, die Deutschen im Ausland zwingen zu wollen sich besser zu integrieren, dann wird dies sicher als despotische Maßnahme empfunden. Die Vertreibungen von Deutschen aus Osteuropa, Banater Schwaben und Sachsen oder Wolgadeutsche beispielsweise, zeigten doch gerade auf, wie sich kulturelle Identitäten teils über Jahrhunderte in den jeweiligen Gastländern - eigentlich der falsche Ausdruck, weil für diejenigen die da leben ist es Heimat - gehalten und entwickelt haben. Freilich, wenn die Verbindung zum Herkunftsland brüchig wird, kann es dazu führen, dass sich die jeweilige Gemeinschaft gewissermaßen konserviert, was nicht immer positiv sein muss.

Statt von Parallelgesellschaften zu sprechen, wäre es angebrachter diese als Diaspora zu betrachten und auch als Chance wahr zu nehmen. Steigende Mobilität und offene Grenzen wird dazu führen, dass eben noch mehr solcher Gemeinschaften entstehen. Verknüpfungen kultureller, und vor allem wirtschaftlicher Natur, zum ursprünglichen Heimatland lassen sich zum Vorteil Aller nutzen.

Nicht Ausländer müssen sich mehr integrieren - die können dies natürlich wenn sie wollen, die Mehrheitsgesellschaft sollte für eine derartige Integration offen und aufnahmefähig sein - sondern die Deutschen müssen lernen mit einer Diaspora Anderer zu leben. Wenn die sich mehrheitlich in bestimmten Gegenden oder Stadtteilen sammeln, ist dies kein Problem, sondern eine Notwendigkeit die sich aus dem Charakter einer Diaspora ergibt. Das soll nicht heißen, dass dort rechtsfreie Räume entstehen dürfen, derartige Klagen sind häufig zu vernehmen, wobei die Schuld daran immer gern den Ausländern geben wird, meist aber daran liegt, dass Gesetze hierzulande entweder zu lasch gehandhabt werden, oder gar ganz auf die Kultur der Mehrheitsgesellschaft zugeschnitten sind. Liberale Ansätze wären hier deutlich besser. Damit müssen gegebenfalls Dinge in Gesetze gefasst werden, die bisher vor allem kulturell determiniert waren, an die man sich gehalten hat, auch ohne dass es ein Gesetz dafür gibt. Dies funktioniert nur in einer homogenen Gesellschaft, doch die haben wir schon lange nicht mehr.

Vor allem aber ist die Forderung nach mehr Integration ein Angriff auf die Freiheit des Einzelnen. Der hat sich der Mehrheitsgesellschaft anzupassen, deren Bedürfnis nach Homogenisierung steht über den Rechten des Individuums. Dies hat leider eine lange Tradition in Deutschland, wie erst kürzlich Götz Aly anmerkte, und er bezieht sich damit auf die Folgen der französischen Besatzung Deutschlands unter Napoleon:
Aus der Gleichheit des Einzelnen vor dem Gesetz wurde hierzulande die Vorstellung von der kulturellen Gleichheit, bald von der geschichtlich gewachsenen und damit exklusiven Einheit des Blutes.
Und genau dieser Geist schwingt in Bestrebungen mit, die Leistungen für Familien nicht an den Bedürfnissen des Individuums auszurichten, sondern an denen der Gesellschaft. Dies mag teils legitim sein, wird aber dann problematisch, wenn bestimmte Gruppen aus erzieherischen Gründen von Leistungen ausgeschlossen werden sollen, und noch problematischer wird es, wenn diese Ausgeschlossenen dafür bestraft werden weil sie sich der Integration, was aber eigentlich Homogenisierung ist, verweigern.

Wem die Rechte des Einzelnen wichtig sind, wer Gleichmacherei als Angriff auf die Freiheit des Individuums ablehnt, der muss die Bestrebungen ablehnen Integration zu erzwingen. Auch wenn dies in Gestalt von Familien-, Frauen- oder Sozialpolitik daherkommt.
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